Winterruhe, Kältestarre und Trockenperioden

Es ist schon fast ein Ritual, dass beim alljährlichen Winterbeginn in Internetforen, Facebook Gruppen und anderen Portalen die Frage aufkommt ob eine Winterruhe bei Amphibien und Reptilien Sinn macht oder überhaupt von Nöten sei. Viele Halter haben Angst um ihre Tiere, oder wollen sie schlichtweg zur Beobachtung aktiv halten ohne weiter über die Folgen nachzudenken. In diesem Text möchte ich genauer auf diese Thematik eingehen und Anhand einiger Beispiele aufzeigen, warum eine Winterruhe unerlässlich für eine artgerechte Tierhaltung ist und warum die Winterruhe im Fall von wechselwaren Tieren eigentlich gar keine Winterruhe ist.

Zunächst möchte ich den Begriff Winterruhe bzw. Winterschlaf aufgreifen. Fachlich bezeichnen diese Worte den chronobiologisch ausgelösten Instinkt von gleichwarmen Tieren, sich ab einer gewissen Temperatur, gewissen Lichtverhältnissen oder Umgebungsänderungen geschützte Bereiche zu suchen und dort zu überdauern. Eines der bekanntesten Beispiele hierfür wäre der Igel, der über den Winter in Erdhöhlen oder anderen frostgeschützten Bereichen mehrere Monate schlafend ausharrt. Anders als bei wechselwarmen Tieren bleiben Körpertemperatur und Herzfrequenz in recht konstanten Bereichen. Somit ist die Bezeichnung ‚Winterruhe‘ bzw. ‚Winterschlaf‘ bei Amphibien und Reptilien fachlich inkorrekt, aber weit verbreitet und geläufig.
Für wechselwarme Tiere, wie Amphibien und Reptilien, aber auch Fische und Insekten, lautet der fachlich korrekte Begriff ‚Kältestarre‘. Die Kältestarre wird im Gegensatz zum Winterschlaf bzw. der Winterruhe nicht chronobiologisch durch fallende Temperaturen eingeleitet sondern zwingend durch herabsenken der Körpertemperatur unter einen kritischen Punkt, der von Art zu Art variiert. Das bedeutet, dass sich unabhängig der Jahreszeit bei wechselwarmen Tieren die Aktivität und der Stoffwechsel parallel zu fallenden Temperaturen verlangsamt.

Wer mehr über die Unterschiede zwischen Winterschlaf bzw. Winterruhe und Kältestarre wissen möchte, dem empfehle ich nachfolgenden Link zu einer genauen Gegenüberstellung. https://www.philipphauer.de/info/bio/wechselwarm-gleichwarm/

Was eine Kältestarre für die Tiere bedeutet und warum eine gewisse Kälteperiode so wichtig ist, möchte ich nun erläutern. Dabei muss zwischen einer echten, reversiblen Kältestarre und allgemein herabgesetzter Aktivität durch kühlere Temperaturen, Trockenheit oder Wärmeperioden unterschieden werden. Dazu später mehr.

Zunächst zur Kältestarre, dem Hauptthema dieses Textes.
Je tiefer die Temperaturen fallen, desto langsamer arbeitet der Stoffwechsel bei wechselwarmen Tieren. Ab einem gewissen Punkt ziehen sich die Tiere instinktiv in frostgeschützte Bereiche zurück, in denen sie längere Perioden ohne Nahrungszufuhr überdauern können. In dieser Zeit lebt der Körper von Reserven und erholt sich von der letzten Aktivitätsphase. Sinkt die Temperatur unter einen gewissen Wert, setzt die Kältestarre ein. Gleichzeitig werden so die nahrungsarmen Monate überdauert ohne zu verhungern. Während dies in der Terrarienkunde auf den ersten Blick nicht relevant zu sein scheint, möchte ich folgendes zu bedenken geben.
In der Terrarienkunde machen bis heute viele Halter den Fehler, ihre Tiere mit Futter zu überhäufen und zu übersättigen. Stimmt dazu die Futterqualität nicht, drohen, wie beim Menschen auch, Übersäuerung und auf lange Zeit gesehen Organschäden. In der Zeit der Kältestarre werden nicht nur lebensfeindliche Zeiten überbrückt, sondern auch überschüssige und gesundheitsgefährdende Fetteinlagerungen der Leber und Stoffwechselendprodukte der Nieren abgebaut und ausgeschieden. Der Körper erhält also die Gelegenheit zu entgiften. Gleichzeitig erhalten langsam wachsende Organe wie Knochen und Knorpel die Möglichkeit in Relation zu den schneller wachsenden Organen aufzuholen. Dies betrifft sowohl Amphibien als auch Reptilien, die sich an derartige Zyklen angepasst haben. Es ist also durchaus fraglich, ob eine ausbleibende Kälteperiode nicht schädlicher ist, als der von „Winterruheverweigerern“ als Argument angeführte Stress für Tiere, die eine solche Periode durchleben zu müssen. Wie sich Stress durch Winterpausen, Kältestarren und ähnliches äußern soll blieb bis zuletzt fachlich unbeantwortet. Meist entspringen die Gegenargumente einer Kälteperiode mangelndem Wissen, der Absicht Jungtiere schneller aufziehen und verkaufen zu können oder aus der Angst heraus seine Tiere zu verlieren. Oder einer Mischung aus allem. Aus meiner Sicht der Dinge wird es für Tiere, die solche Pausen in der Natur einhalten, erst dann stressig, wenn diese entfallen. Denn es darf auch nicht außer Acht gelassen werden, dass eine Pause vom Paarungsstress, Revierkämpfen und Futterrivalitäten genauso förderlich für das Wohlbehalten ist wie die Möglichkeit der Regeneration vitaler Funktionen. Zudem ist eine Durchführbarkeit von Kälteperioden bei Amphibien immer möglich und mit wenig Aufwand verbunden. Argumente von Tierhaltern, sie hätten platztechnisch keine Möglichkeit oder keine Orte mit entsprechender Temperatur lasse ich hier nicht gelten. Wichtig ist nur, die Frostgrenze nicht zu unterschreiten und keine sichtlich kranken Tiere dieser Periode auszusetzen. Dann muss weder um das Leben der Tiere gebangt, noch über vermeintlichen Stress diskutiert werden. Bei der Überwinterung von Bombina orientalis spielt ein Temperaturbereich zwischen minimal 3°C und maximal 5°C eine wichtige Rolle. Temperaturen, die jeder handelsübliche Kühlschrank bereithält. Wer keine Tiere in der Küche möchte, kann sich auch für kleines Geld Minikühlschränke kaufen und die Tiere dort überwintern. Gebraucht gibt es derartige Geräte in sehr gutem Zustand oft schon für unter 50€. Gut investiertes Geld.
Ich persönlich überwintere meine Tiere aus Regionen wie Nordeuropa nur noch im Kühlschrank. Der einfache Grund hierfür ist, dass die Wetterkapriolen der letzten Jahre eine sichere Überwinterung im Kellerschacht nicht mehr zulassen und durch die immer mehr werdenden Holzheizungen auch die Luftqualität leidet. Ruß setzt sich mit der kalten Luft in den Kellerschächten ab. Nichts, was den Tieren zugemutet werden muss. Ein Absinken der Temperatur unter den Gefrierpunkt, und damit einhergehend der sichere Tod für meine Tiere, kann im Kühlschrank darüber hinaus ausgeschlossen werden.
Wie die Kälteperiode bei meinen Bombina orientalis genau abläuft, lesen Sie hier:

Doch wie ist es nun bei Amphibien und Reptilien aus gemäßigteren Klimazonen?
Auch hier wird oft fälschlicherweise von Winterruhe gesprochen. Beispielsweise bei Pogona vitticeps. Gemeint sind aber häufig Trockenperioden bzw. Jahresphasen mit aktivitätssenkenden Temperaturen. Ein Beispiel wären auch Mantellinae, wie meine Mantella nigricans. Auf Madagaskar herrscht von April/Mai bis Anfang Oktober Trockenzeit. In diesen Monaten sinken in den Höhenlagen oft auch die Temperaturen um wenige Grad Celsius, was dazu führt, dass die Mantellen sich in feuchte Verstecke zurückziehen um dort der Trockenheit zu entgehen. Anders als bei vielen Amphibien und Reptilien der nördlichen Hemisphäre bleiben die Frösche jedoch aktiv und nehmen weiter Nahrung zu sich. Allerdings führt die Trockenperiode ähnlich wie die Kältestarre bei Bombina orientalis zu einer Pause vom Paarungsstress, Revierstreitigkeiten und Futterrivalitäten. Weshalb auch eine Trockenperiode bei Dendrobatidae oder eine über den Winter gehaltene, kühlere Temperaturphase bei Stenodactylus sthenodactylus wichtig sind.
Vielfach ist es auch so, dass die Paarungsbereitschaft erst nach entsprechenden Temperatur- bzw. Trockenperioden wieder auflebt. Ein weiterer Grund, der für die Einhaltung der Kälteperiode und Kältestarre sowie der Trockenperioden spricht.