Die Wichtigkeit von (analoger) Literatur
Das Internet vergisst nicht...
... Oder doch? Sicher haben Sie diese Aussage schon zuhauf gehört, wohl oft als Warnung oder Belehrung, bevor Sie ein unvorteilhaftes Partybild auf Instagram oder einen humorvoll gedachten, aber daneben gegriffenen Kommentar auf Facebook Posten wollten. Ohne Zweifel gibt es diese Fälle, vor allem wenn Personen des öffentlichen einen Sturm der Entrüstung ernten oder Politiker zum Meme werden. Da ist das Internet seit Anbeginn unerbittlich. Aber wie sieht das eigentlich bei Wissen aus? Also dem Ergebnis aus Beobachtung, Dokumentation und Erfahrungen? Und zugehörig das Ergebnis aus einem Erfahrungsaustausch?
Denken Sie an Wikipedia, Internetarchive.org oder ähnliches? Nicht verkehrt. Gerade Wikipedia hat sich zu einer wichtigen, durch die Massen gefütterten Wissensdatenbank entwickelt. Wie diverse Reportagen jedoch schon aufgezeigt haben, hat dieses System doch einige Schwachstellen. Und aus thematischer Sicht bietet Wikipedia oder ähnliche Seiten kaum bis keine Informationen, die für den Halter eines jeweiligen Tieres hilfreich wären. Wenn überhaupt findet sich bei sehr weit verbreiteten Tieren, wie Pogona vitticeps oder Eublepharis macularius, immerhin der Hinweis dass sie relevant in der Tierhaltung sind. Seiten wie die Reptile-Database [6] oder AmphibiaWeb [7] sind an dieser Stelle leider auch nicht unbedingt hilfreich. Erstere verlinkt teilweise immerhin zu Webseiten oder Artikeln, die sich intensiver mit einem jeweiligen Tier beschäftigen. Seitens der großen Zoos, Institute und Universitäten ist kaum etwas öffentlich zugänglich, wenn überhaupt etwas für den Tierhalter aufgearbeitet wird. Die Haltungsangaben, die die großen Zoohandelsketten aufstellen bitte ich Sie mit Vorsicht zu genießen, denn sie sind meist zu oberflächlich. Und hier kommen wir zu einem seit Jahren bestehenden und sich verschärfenden Knackpunkt. Nahezu alle Informationen im Internet, die sich mit und um die Tierhaltung drehen, stammt von privat betriebenen Webseiten oder Foren. Wenig verwunderlich ist daher auch, dass ein sehr großer Teil der Verhaltensforschung ebenfalls von privater Seite – online wie offline - beigesteuert wird.
Das Internet ist ein Flickenteppich
Dabei ist das Internet insbesondere die letzten Jahre zu ein Flickenteppich geraten. Von sich fachlich mit der Haltung nur einer einzelnen Art oder Gattung intensiv beschäftigenden Seiten über Sammelseiten, die möglichst viele Tierportraits ohne fachliche Tiefe abbilden wollen, bis hin zu kitschigen Blogs, in denen Tagebuchartig jeder Nonsens ohne fachlichen Anspruch aufgebrüht werden, lässt sich im Internet alles finden. Es war lange in Mode, dass jeder, der ein Hobby begann auch automatisch eine Website oder einen Blog dazu eröffnete. Der Inhalt und die Aufmachung einer solchen Webseite geben dabei auch stringent Hinweise darauf, aus welchen Beweggründen und mit welchem Selbstanspruch eine Seite erstellt wurde. Gleiches Bild ergibt sich bei Foren, die die letzten Jahre zunehmend durch Facebook- & Whatsappgruppen, sowie Discordserver Konkurrenz erhalten haben. Die eine, zentrale Anlaufstelle, das eine Sammelbecken derer, die sich wirklich auskennen gibt es an dieser Stelle leider (nicht) mehr. Im Gegenteil. Gerade auf Facebook hat sich die letzten zehn Jahre eine wahre Flut an mal mehr, mal minder aktive Gruppen gebildet, die sich aus großen Sammelgruppen aus unterschiedlichsten Gründen abgespalten haben. Aus meiner Erfahrung häufig dann, wenn Kritikunfähigkeit und Beratungsresistenz eine große Rollte spielten. Was dies für den fachlichen Inhalt sowie die Moderation der jeweiligen Gruppen bedeutet, mag sich jeder selbst seine Schlüsse ziehen. Dabei möchte ich aber nicht pauschal aussagen, dass unter diesen Gruppen nicht auch „gute“ zu finden sind. Mehr haben diese Gruppen und Server ganz eigene Probleme geschaffen und spiegeln einen gewissen Zeitgeist wieder, der sich auf das Sprichwort „Etwas vorgekaut bekommen“ kürzen lässt.
Erschwerend kommt hinzu, dass die größte und meistgenutzte Suchmaschine für das Internet die letzten Jahre den Suchalgorithmus konsistent kaputt optimiert und die Präferenzen für einen Suchtreffer geändert hat. Werbetauglichkeit, die Häufigkeit des gesuchten Wortes oder die „Nutzerfreundlichkeit“, also das Verhalten und die Ladezeit auf Mobilgeräten, stehen in den Suchparametern deutlich höher, als der Inhalt selbst. Die „richtig guten“ die Tierhaltung betreffenden Seiten sind nicht selten aus den 2000er Jahren und hinsichtlich Layout und Code veraltet – nicht zuletzt weil Aktualisierung Zeit und Aufwand bedeutet, wie auch das nötige Wissen darum. Oder sie schlicht nicht mehr gepflegt und vergessen wurden. Dies führt im Umkehrschluss dazu, dass diese Seiten in der Ergebnisreihenfolge deutlich abgeschlagen oder gar nicht mehr gelistet werden.
Eine Frage der Qualität
Dabei bedeutet ein altes Layout oder das fehlen einer HTTPS Weiterleitung nicht automatisch, dass der Inhalt schlecht oder ungenau ist. Dieser steht und fällt mit dem Selbstanspruch des Seiteninhabers. Eine gute Seite erkennt man vorwiegend daran, dass ein Thema neutral und sachlich aufgearbeitet und wiedergegeben wird. Dies bedeutet zugleich jedoch auch: viel Text, der bestenfalls auf Selbstdarstellung und reißerische Wortwahl verzichtet. Eine hohe Kunst ist es hierbei auch eine Webseite so zu gestalten, dass die Informationen gefunden werden können und nicht in zahlreichen Untermenüs verloren gehen. Die modernen Gruppen auf diversen Plattformen sind dagegen nicht dafür ausgelegt Wissen zu konservieren, sondern um Content zu produzieren. Die Nachverfolgbarkeit spielt keine oder nur eine untergeordnete Rolle, weshalb hier noch in viel schlimmerem Ausmaß als in den alten Foren Diskussionen und Erkenntnisse in der Flut an neuen Einträgen untergehen. Eine vernünftige Moderation lassen solche Gruppen, technisch, auch nicht zu. Da waren und sind Foren klar im Vorteil, vor allem wenn die Moderation aus erfahrenen Tierhaltern mit langjähriger Erfahrung besteht. Das alte Fisch-Forum wäre ein solches Positivbeispiel gewesen. Ebenso da Terraon. Eines der wenigen, noch aktiven und alteingesessenen Fachforen, nebst dem der DGHT, ist noch das Diplopoda-Forum. Deutschsprachige Foren, nebst dem der DGHT, in denen Sie als Leser ihren Wissensdurst stillen können, gibt es meiner Ansicht nach heute nicht mehr. Ebenso werden die privat geführten Themenseiten, nicht selten wichtige Wissensvermittler, immer weniger.
Denn das Internet...
... Vergisst doch. Es liegt in der Natur der Dinge, dass nichts ewig währt. Warum sollte dies bei Websites und Foren anders sein? Die letzten zwei Jahrzehnte sind eine ganze Reihe großer Foren vom Netz gegangen. Zwei der größten wurden bereits erwähnt. Ebenso eine Vielzahl an privat geführten Webseiten. Deren Abschaltung ist gleichbedeutend mit der Verbrennung von Büchern. Wissen, das unwiederbringlich weg ist, sofern die Webseite nicht irgendwo abgespeichert wurde. Hier ist das Internet leider äußerst vergesslich – zwar gibt es Projekte wie das Internet-Archive und die WayBackMaschine, angesprochene Seiten fallen hier aber – aufgrund ihrer geringen Reichweite – schlicht durchs Raster. Und Foren sind schlicht und ergreifend zu groß um sie mal eben zwischen zu speichern. Aus diesem Grund kann ich Ihnen nur ans Herz legen, wenn Sie einen interessanten Artikel oder Forenbeitrag finden, dann speichern Sie ihn für sie privat ab. Eine Praxis, die ich ebenfalls zunehmend durchführe und – zum Glück – so den ein oder anderen wissenswerten Beitrag zumindest für mich bewahren konnte.
Analoge Literatur – zeitlos und zukunftssicher
Sie mögen mich nun vielleicht antiquiert nennen, jedoch rate ich Ihnen vor allem zu einem Wissensmedium: Dem, das auf Papier gedruckt ist. Wissen ist ein hohes Gut, es zu erhalten ist jedoch schwer. Mir persönlich fällt dies vor allem in diesem Hobby auf. Langjährige Halter mit vielen Jahren Erfahrung werden immer weniger. Mit ihnen geht all das Wissen und eben auch die Websites, Foren und Blogs. Bücher und Fachzeitschriften hingegen vereinen gleich mehrere Vorteile. Zum einen sind diese redaktionell betreut und werden vor Veröffentlichung Korrektur gelesen. So ist die inhaltliche Qualität sicher gestellt. Zum anderen kann ein Buch, eine Fachzeitschrift oder Broschüre nicht von heute auf morgen offline gehen. Auch wenn ein Buch vier Jahre im Schrank stehen mag, so ist es doch immer Griffbereit wenn Sie selbst oder jemand aus Ihrem Umfeld etwas nachschlagen möchten. Sie können einzelne Seiten Kopieren oder das Buch verleihen bzw. selbst ausleihen. Gedruckte Literatur ist der erste wichtige Schritt bei der Wissensbeschaffung zur Haltung eines Tieres. Das Internet ist hier nur eine Ergänzung respektive an inhaltlichen Stellen ein Update. Aktuell halten einen Fachmagazine wie die Reptilia [1] oder DATZ [2] Beide Medien ergänzen sich hervorragend – ersetzen wird das Internet „richtige“ Fachliteratur jedoch so schnell nicht. Umso wichtiger ist es, die Bücher, die wir haben, pfleglich zu behandeln. Schon jetzt gibt es einige noch gar nicht so alte Bücher, wie Shura SIGLINGs Einsteigerguide für Tausendfüßer [3] oder Reinhard EHRMANNs Werk über Gottesanbeterinnen der Welt [4], kaum noch zu kaufen und wenn, dann teils für hohe dreistellige Beträge. Gleiches gilt auch für den sehr empfehlenswerten Vierteiler über Dendrobatidae von Siegfried P. CHRISTMANN [5]. Manche Bücher scheinen eine sichere Geldanlage zu sein. Zudem sieht weniges so gut aus, wie ein gefülltes Bücherregal.
Weiterführendes:
1 – Natur- und Tierverlag – Magazin Reptilia
2 – Natur- und Tierverlag – Magazin DATZ
3 – SIGLING, S. (2010): PraxisRatgeber Tausendfüßer – Bede Verlag ISBN: 978-3-89973-488-1
4 – EHRMANN, R. (2002): Mantodea – Gottesanbeterinnen der Welt – Natur und Tierverlag ISBN: 978-3931587604
5 – CHRISTMANN, S. P. (2004-2014): Dendrobatidae Band I-IV – Chimaira Verlag ISBN 3-00-012726-7; 978-3-00-045502-5
6 - https://reptile-database.reptarium.cz/
7 - https://amphibiaweb.org
